Einiges an Meilen östlich von Avalon liegt die Wegscheide, nach dem Dorf die zweitgrößte Siedlung in ganz Avalonien. Hier treffen sich die Südstraße, die Straße nach Norden zum Wachturm und die lange Oststraße, die von der Festung aus zu den alten Zwergenminen führt, die jenseits der avalonischen Grenzen liegen. Kein Wunder, dass die hiesigen Bewohner nicht gerade arm dran sind, was natürlich auch zwielichtige Gestalten anzieht, nicht zuletzt den allseits bekannten und wenig beliebten Hehler Garol.
Die Wegscheide
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Kaum hat es gedämmert, huscht ein dunkel gekleideter Mann, halb im Graben und halb auf dem Gras neben der Straße durch die frühe Nacht. In letzter Zeit hat er viel zu tun: Seine Spitzel bei Laune halten, Wissenswertes über die Schlachten auf der Ebene erfahren und schließlich hat er noch seines gleichen ausfindig zu machen. Nun, fast seinesgleichen. Ihm scheint so, als ob der Mann unter dem Auftrag eines anderen Mannes steht. Gunther aber arbeitet nur im Auftrag seiner eignen Gier - welch hässliches Wort - und hat mit Diebstehlen, die ihm aufgetragen wurden noch nie etwas am Hut gehabt.
In seiner Tasche rascheln leise die Splitter von Halbedelsteinen. Garol soll sie bekommen. Er wird dem Schuft am einen anständigen Preis abpressen. Man kann seine Ausrüstung ja nicht bei jedem beliebigen Gerber ausbessern lassen - Geld muss da schon fließen, damit nichts ans Tageslicht kommt. Und hier an der Wegscheide gab es den ein oder anderen Handwerker, der wunderbar korrupt und dem Geld sehr zugetan war. Gunther lacht in sich hinein. Je reicher die Leute, desto mehr wollen sie und das nutzt er aus.Nachdem Gunther gut und gerne eineinhalb Stunden, Pausen nicht eingerechnet, gelaufen ist, kommt er schließlich zum Rand der Siedlung. Dort schlich schon ein anderer Mann mit schwarzem Bart umher. Dies war Garol. Im Vorübergehen sagte Gunther wie beiläufig: Eine annehme Nacht, mein Herr, dunkel ist sie zwar, aber kleine Sterne leuchten uns den Weg. Das war die vereinbarte Begrüßung. Gleich darauf ist Garol verschwunden und Gunther verschwindet ebenfalls hinter der nächsten Hausecke. Dort hinten dann, auf der Rückseite des Hauses, an einem alten Bierfass lehnt Garol. Er macht einen recht aufgeräumten Eindruck. Gute Bedingungen, um mit ihm zu verhandeln?
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Nach einer mehr als langen Reise kommt Nerevar nun über die Oststraße in das Gebiet Avalons. Gerade als die untergehende Sonne ihre letzten Strahlen über die Berge im Westen wirft, erreicht er die Wegscheide, wo die wichtigen Handelsstraßen sich kreuzen.
Er beschließt, das Dorf vorerst nicht zu betreten, sondern vorher noch etwas die Gegend zu erkunden. Etwa eine Meile südöstlich der Siedlung findet er auf einem abgeflachten Stück Land, umringt von einem Kreis aus vereinzelt stehenden, hohen, stolzen, doch mittlerweile sehr alten Bäumen, die Statue einer weiblichen Person. Wahrscheinlich stellt sie die ehemalige Königin Avalons, die White Lady, dar. Der Kopf der Statue wurde abgeschlagen und liegt einige Meter entfernt kaum sichtbar im hohen Gras. Die kopflose Frauenfigur leuchtet noch einmal blutrot auf, bevor die Sonne endgültig versinkt und eine graue Dämmerung einsetzt.
Nerevar beschließt, hier diese Nacht zu rasten, um am nächsten Tag möglicherweise das Dorf an der Wegscheide aufzusuchen.
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Nerevar erwacht, als Regentropfen seine Kleidung durchdringen. Der Himmel ist von einer dichten Wolkenschicht verdeckt, so dass von der morgendlichen Dämmerung noch nichts zu sehen ist. Noch von Dunkelheit umgeben, packt er seine Sachen zusammen und macht sich auf den Weg.
Im Dorf an der Wegscheide ist noch kein Anzeichen menschlichen Treibens zu sehen, also lässt er die kleine Siedlung hinter sich und geht weiter westwärts in Richtung der Festung Avalon. Nerevar hofft, noch vor Ende des noch jungen Tages dort ankommen zu können, um nicht unnötig eine weitere Nacht im Freien verbringen zu müssen. Üblicherweise macht ihm dies nichts aus, doch was in dieser Gegend für zwielichtige Gestalten des Nächtens umherwandern mögen, vermag er nicht zu wissen.
Doch auf seinem Weg zu Festung fällt ihm außer ein paar krummen Bäumen am Wegesrand und drei Hasen, die vor ihm über die Straße huschen, nichts Besonderes auf...
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Früh in der Nacht kam Gunther wieder zurück nach Avalon. Ein Tag war vergangen, seit er mit Shannon gesprochen hatte und neue Ränke gegen ihn offenbar wurden. Rechts vom ihm verlief der Voel still ein seinem Bett und weiter westlich lag grauer Dunst über den Schlachtfeldern von Avalon. Aber der bedrückende Schatten war fort und das Land war friedlich, als habe man es mit einem Wiegenlied in den Schlaf gesummt. Umso besser war das für ihn. Dies war ein Zeichen, dass die Menschen nun nichts Schlimmes erwarteten, oder nicht sehr schnell darauf reagierten. Das war eine Zeit, in der Gunther ungehindert durchs Land ziehen konnte, während solchen Zeiten und wenn es Krieg gab und man auf die eine oder andere Untat mehr oder weniger nicht mehr achtete. Schade, dass er sie für die Jagd verschwenden musste, doch sie war auch eine prächtige Kulisse für einen beispielhaften?
Gunther ritt nun langsam auf das Dorf zu, dass von jeher nur die Wegscheide genannt wurde. Gunther wollte zu Garol. Wenn jemand wusste, wo Tyarumbar sich aufhielt, dann er. Außer Gunther selbst, aber es konnte sein, dass sich Tyarumbar Gunthers Aufmerksamkeit immer mehr entzogen hatte und irgendwo im Westen war, wo Gunther nur hinkam, wenn er einfache Beute suchte, denn die wenigen Menschen, die dort in nichts als Holzhütten südlich der Verfallenen Taverne am Waldrand lebten, waren kaum gegen ihn gefeit und bis sie nach Avalon kamen, war es zu spät.
Am Dorfrand angekommen versteckte Gunther das Pferd. Für gewöhnlich war Garol im Westen des Dorfes zu finden und wirklich war er dort, allerdings war er so betrunken, dass er sich kaum auf den Beinen halten konnte. Gunther verfluchte ihn. Wenn er zu besoffen war, ordentliche Auskünfte zu geben, war es das für diese Nacht! Gunther hob einen kleinen Stein auf und warf ihn Garol in den Rücken. Sofort schrie dieser herum, aber der Schmerz von Gunthers Wurf war sicher durch den Alkohol gedämpft worden. Garol tänzelte umher und nach der dritten Umdrehung blickte er mit rotem Gesicht zu Gunther. Gunther hieß ihn zischend, näher zu kommen und als Garol in Reichweite war, packte er ich am Arm und zerrte ihn mit Gewalt über ein paar Fässer hinweg. Natürlich schrie Garol, aber Gunther hatte ihn bald aus Hörweite gezogen und warf ihn zu Boden.Steh auf, elender Säufer! Ich habe einige Fragen an dich und es wird dir gut tun, schnell nüchterner zu werden. Andernfalls wird kaltes Wasser dir auf die Sprünge helfen.
Gunther wartete nicht, sondern schleifte Garol zu einem Fass. Was drin war, wusste Gunther nicht, aber Garol dachte wohl an eisiges Wasser, jedenfalls begann er nun zu sprechen, anstatt zu schreien.
> Tut mir nichts! Ich spreche! Was wollt Ihr wissen? <
Was du über Tyarumbar weißt und wo er zu finden ist! Erinnere dich gut, denn falls ich den Weg zu ihm umsonst gehe, werde ich dir mehr Wasser zu trinken geben, als du für einen klaren Kopf brauchst!
Garol war ein Häufchen Elend, das sich zu seinen Füßen bog. Der Hehler wusste, dass Gunther ihn nicht unbedingt brauchte, es ging nur schneller, aber andere, die auch mit der Schattengilde im Bunde standen, kamen zu ihm, so Gunther es zuließ, denn manchmal hatte er es ihnen verboten und sie in den Nordosten geschickt, in die Grenzdörfer von Oriam, um dort nach Hehlern zu suchen.
Aber Garol war nun so von Gunthers Behandlung und Worten eingeschüchtert, dass er auch nicht zuletzt wegen des hohen Bierkonsums bereitwillig erzählte was er wusste. Von Zeit zu Zeit half Gunther nach, indem er mit dem Dolch in der Hand spielte. Schließlich wusste Gunther, was er wissen wollte. Er half Garol auf die Füße und klopfte ihm auf die Schulter.Hier sind ein paar wertvolle Dinge. Das ist deine Belohnung, mein Freund, dafür, dass du mir so viel erzählt hast, diese Nacht. Das war wirklich freundlich von dir.
Noch einmal klopfte Gunther ihm auf die Schulter, ließ den betrunkenen stehen (oder liegen) und machte sich auf zu seinem Pferd. Er musste nun nach Westen über den Fluss, so wie er es sich gedacht hatte. Tyarumbar würde bald nicht mehr am Leben sein.